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Diabetes insipidus – Ursachen, Symptome und Behandlung

Published April 11, 2016 in Diabetes insipidus - 0Comments

Definition und Abgrenzung zu Diabetes mellitus

Bei Diabetes insipidus handelt es sich um eine hormonelle Erkrankung, die durch eine Störung im ADH-System ausgelöst wird.

Das Antidiuretische Hormon ADH wird bei gesunden Menschen im Zwischenhirn produziert und steuert die Wiederaufnahme von Wasser in der Niere. Kommt es zu Störungen in diesem hormonellen System, beispielsweise durch eine verminderte Produktion von ADH, dann führt das zu einer Steigerung der Wasserausscheidung, im Extremfall bis zu 40 Liter Urin pro Tag.

Dieses Krankheitsbild wird als Diabetes insipidus bezeichnet: Diabetes bedeutet aus dem Griechischen übersetzt etwa „Durchfluss“ (wegen des erhöhten Urinflusses), insipidus heißt wörtlich übersetzt „geschmacklos“.

Diese historische Bezeichnung geht auf eine inzwischen natürlich überholte Diagnosemethode zurück:

Auch bei Diabetes mellitus, der chronischen Stoffwechselerkrankung durch Insulinmangel, kann es zu einer deutlich erhöhten Urinausscheidung kommen. Der produzierte Harn ist hierbei aber durch den enthaltenen Zucker „honigsüß“ (mellitus), während bei der hormonelle Erkrankung Diabetes insipidus nur vermehr Wasser ausgeschieden wird, das nicht süß sondern „geschmacklos“ (insipidus) ist.

Durch eine einfache Geschmacksprobe konnten Ärzte so in früheren Zeiten die beiden Erkrankungen differenzieren.

Abgesehen von diesem gemeinsamen Symptom der erhöhten Urinausscheidung gibt es zwischen Diabetes mellitus und Diabetes insipidus allerdings keinen Zusammenhang, es handelt sich um zwei völlig verschiedene Erkrankungen.

 

Im Folgenden geht es um die Ursachen, Symptome und Behandlung des Diabetes insipidus. Zu Diabetes mellitus lesen Sie diesen Artikel.

Was ist Adiuretin?

Das Antidiuretische Hormon ADH, auch Adiuretin oder Vasopressin genannt, ist ein Hormon, das im Hypothalamus, also einem Bereich in unserem Zwischenhirn, produziert wird. Von dort aus wird es zur Hypophyse, der Hirnanhangdrüse, transportiert, wo es gespeichert und wenn nötig freigesetzt wird.

ADH spielt eine zentrale Rolle im Wasserhaushalt unseres Organismus: Über einen Rezeptor in der Niere steigert es die Rückresorption von Wasser, sodass weniger Urin ausgeschieden wird. Besonders nachts ist dieser Mechanismus sehr wichtig, um ohne Harndrang bis zum nächsten Morgen durchschlafen zu können.

ADH wird außerdem vermehrt ausgeschüttet, wenn sich zu wenig Wasser in unserem Kreislauf befindet. Das Blut wird durch den Wassermangel „dicker“, das heißt bei geringerer Wassermenge ist die gleiche Anzahl an Stoffen in ihm gelöst.

Diese Konzentrationserhöhung wird durch spezielle Sensoren registriert, die dann wiederum die Ausschüttung von ADH anstoßen. Durch die erhöhte Rückresorption von Wasser in der Niere kann der Wassermangel so kurzfristig ausgeglichen werden.

Neben dem Wasserhaushalt beeinflusst ADH auch den Blutdruck: in höheren Konzentrationen führt es über spezielle Rezeptoren in den Arterien zu einer Erhöhung des Blutdrucks.

 

Ursachen von Diabetes insipidus

ADH führt also wie oben beschrieben zu einer erhöhten Rückresorption von Wasser in der Niere, sodass das Harnvolumen vermindert wird.

Fehlt ADH oder sprechen die Rezeptoren in der Niere nicht mehr richtig auf dieses Hormon an, dann entsteht das Krankheitsbild des Diabetes insipidus.

Wodurch wird Diabetes insipidus ausgelöst? Prinzipiell kann man zwei Formen der Erkrankung unterscheiden:

Diabetes insipidus centralis

Beim Diabetes insipidus centralis liegt die Ursache zentral, nämlich im Zwischenhirn. Dort wird zu wenig ADH produziert oder freigesetzt, wofür es verschiedene Ursachen geben kann.

Eine Einschränkung der Funktion des Zwischenhirns kann entweder durch Erkrankungen bzw. Verletzungen hervorgerufen werden (beispielsweise durch Tumore, Hirnhautentzündung oder eine krankheitsbedingte Entfernung der Hirnanhangdrüse) oder in seltenen Fällen auch genetisch bedingt sein (angeborene Fehlfunktion).

Bei etwa der Hälfte der Patienten lässt sich allerdings keine unmittelbare Ursache für den Mangel an ADH feststellen.

Diabetes insipidus renalis

Beim „nierenbedingten“ Diabetes insipidus ist die Produktion und Ausschüttung von ADH im Zwischenhirn zwar normal, die ADH-Rezeptoren in der Niere reagieren allerdings nicht oder nicht ausreichend auf das Hormon.

Dieses gestörte Ansprechen auf ADH kann aufgrund eine Schädigung der Niere, beispielsweise bei Vergiftungen oder auch chronischen Nierenerkrankungen, auftreten, oder, wie auch der Diabetes insipidus centralis, durch verschiedene genetische Mutationen erblich bedingt sein.

Symptome von Diabetes insipidus

Unser gesamtes Blut wird jeden Tag etwa sechzig Mal durch die Niere gefiltert, das entspricht einem Volumen von etwa 180 Litern.

Über vielfältige Mechanismen werden lebensnotwendige Stoffe und Wasser dann wieder zurück in den Blutkreislauf aufgenommen, sodass der letztendlich ausgeschiedene, konzentrierte Urin nur noch ein Volumen von etwa einem bis eineinhalb Liter pro Tag hat.

Was passiert, wenn das ADH-System nicht mehr funktionier?

Stark erhöhte Harnmengen (Polyurie)

Ohne ADH kommt es zu einer empfindlichen Störung der Wasserwiederaufnahme: Anstelle der etwa eineinhalb Liter konzentrierten Urins werden zwischen 4 und 12 Liter, in sehr schweren Fällen sogar bis zu 40 Liter eines stark verdünnten Urins ausgeschieden.

Auch nachts funktioniert ohne ADH die Konzentrierung des Urins nicht mehr, sodass häufiger nächtlicher Harndrang auftritt.

Starker Durst (Polydipsie)

Bei einem durchschnittlichen Urinvolumen von 4 bis 12 Litern am Tag entsteht ein Wasserverlust, der durch eine entsprechende Aufnahme von Flüssigkeit wieder ausgeglichen werden muss. Patienten mit einem unbehandelten Diabetes insipidus leiden deshalb an einem extremen Durstgefühl.

Austrocknung (Dehydratation)

Wenn die verlorene Wassermenge nicht durch einen entsprechenden Flüssigkeitsersatz ausgeglichen wird entsteht im Körper ein Wassermangel, die sogenannte Dehydratation. Bei Diabetes insipidus wird nur die Wasserausscheidung erhöht, die Elektrolytausscheidung dagegen bleibt normal, sodass die Salzkonzentration im Blut steigt. Das Blut wird also hyperton.

Eine solche Dehydratation äußert sich beispielsweise durch Unruhezustände, Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit und einer Erschlaffung der Haut (Hautfaltentest: Haut am Handrücken oder Oberarm nach oben ziehen, bleibt die Falte über eine Sekunde nach dem Loslassen bestehen liegt eine Dehydratation vor).

Ab einem Verlust von mehr als 40% des Körperwassers kann eine Dehydratation tödlich sein!

Therapie von Diabetes insipidus

Liegt bereits eine akute Dehydratation vor so wird je nach Schweregrad zunächst ein oraler oder intravenöser Flüssigkeitsersatz durchgeführt.

Die anschließende Therapie ist abhängig von der Ursache und Form des Diabetes insipidus:

Diabetes insipidus centralis

Mittel der Wahl zur Behandlung des Diabetes insipidus centralis ist Desmopressin, ein leicht abgewandeltes ADH. Durch Desmopressin, das entweder oral, intravenös oder auch als Nasenspray angewendet werden kann, wird das fehlende ADH ersetzt und die Wasserausscheidung normalisiert.

Diabetes insipidus renalis

Beim nierenbedingten Diabetes insipidus wäre der Ersatz von ADH wirkungslos, weil die Rezeptoren in der Niere ja nicht mehr richtig auf das Hormon reagieren.

Stattdessen werden bei dieser Form des Diabetes insipidus Diuretika vom Thiazid-Typ wie zum Beispiel HCT (Hydrochlorthiazid) verwendet. Diuretika sind Substanzen, die normalerweise die Urinausscheidung steigern; bei Patienten mit Diabetes insipidus dagegen kommt es zu einer Verminderung der Urinproduktion und des Durstes. Die Ursachen für diese paradoxe Reaktion sind noch nicht abschließend geklärt.

Behandlung der Grunderkrankung

Da Diabetes insipidus oft die Folgeerscheinung einer anderen Grunderkrankung ist, kann nach einer entsprechenden Diagnose eine ursächliche Therapie dieser auslösenden Erkrankung durchgeführt werden (beispielsweise Entfernung eines Tumors, Behandlung einer Nierenerkrankung).

Wenn die Grunderkrankung erfolgreich behandelt wurde, verschwindet auch der durch sie ausgelöste Diabetes insipidus wieder.

Quellen

Mutschler et al: Arzneimittelwirkungen – Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 10. Auflage (2012).

Steinhilber et al: Medizinische Chemie. Deutscher Apotheker Verlag, 2. Auflage (2010).

AWMF-Leitlinie Diabetes insipidus neurohormonalis, Stand Januar 2011: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/027-031l_S1_Diabetes_insipidus_neurohormonalis_2011-abgelaufen.pdf   Zugriff am 11.4.2016 um 19:30 Uhr