"Wer keine Zeit für seine Gesundheit hat, wird später viel Zeit für seine Krankheiten brauchen." – Sebastian Kneipp

Medikamente gegen Tinnitus

Published Januar 6, 2014 in Tinnitus - 0Comments

Mit Medikamenten gegen den Tinnitus vorgehen

 

medikamentenTinnitus Aurelum ist der lateinische Ausdruck für „Klingeln im Ohr“. So macht sich der Tinnitus nämlich bei Betroffenen bemerkbar: Sie nehmen auf einem oder beiden Ohren ein seltsames Pfeifen, Piepen oder Rauschen wahr, das außer ihnen keiner hören kann und das sie konstant und dauerhaft begleitet. Es handelt sich dabei um ein äußerst komplexes Syndrom, mit vielen verschiedenen Ausprägungen.

 

Die Ursachen bleiben dabei oft unklar und wenn kein klarer Zusammenhang mit beispielsweise einem Hörsturz, einer Mittelohrentzündung oder einer anatomischen Änderung hergestellt werden kann, dann ist die Behandlung sehr schwer. In den meisten Fällen wird dann früher oder später auf Bewältigungsmethoden statt auf Heilung gebaut. Mittels Meditation, Tai-Chi, Yoga oder anderer Methoden können Patienten versuchen zu lernen, den Tinnitus aus ihrer Wahrnehmung und aus ihrem Denken zu verbannen, um ein angenehmeres Leben führen zu können.

Wenn der Tinnitus chronisch  ist, also länger als drei Monate anhält, dann liegt das meist daran, dass die Ursache nicht festgestellt werden konnte. In diesen Fällen helfen Medikamente meist nicht mehr und die meisten wirksamen Medikamente wird man zu diesem Zeitpunkt wohl auch schon ausprobiert haben. In der akuten Phase gibt es jedoch einige Mittel, die man testen kann. Die Medikamente fallen dabei grob in vier verschiedene Gruppen: blutdrucksenkende Medikamente,   entzündungshemmende Mittel, Verbesserung der Signalverarbeitung im Innenohr sowie Rehabilitation der Nervenaktivität.

Je nachdem ob die Ursache festgestellt werden kann, werden Medikamente gezielt eingesetzt oder als Mix (meistens Infusion) verabreicht. Bei allen Medikamenten gilt: Informieren Sie sich vor der Einnahme auf jeden Fall bei einem Arzt über eventuelle Nebenwirkungen und besprechen Sie, inwiefern der Konsum für Sie sinnvoll ist. Versuchen Sie auch immer, sich möglichst gut zu informieren.

Es sind sehr viele Mittel auf dem Markt, die angeblich gegen Tinnitus wirken, deren Wirkung bei genauerer Betrachtung doch äußerst fragwürdig ist und noch in keinster Weise bestätigt werden konnte. Lassen Sie sich trotz aller Verzweiflung nicht von Scharlatanen übers Ohr hauen!

Blutdrucksenkende Medikamente

Für lange Zeit waren diese Medikamente erste Wahl bei einem akuten Tinnitus und wurden oft auch auf Verdacht verschrieben, ohne dass man wusste, dass tatsächlich erhöhter Blutdruck für das Pfeifen verantwortlich war. Heute ist diese Art der Behandlung etwas in den Hintergrund getreten und kommt nur noch zum Einsatz, wenn tatsächlich ein Zusammenhang festgestellt werden kann. Bei diesen Mitteln kann es sich beispielsweise um synthetische Medikamente wie Pentoxifyllin oder HES. Eine andere Möglichkeit sind pflanzliche Präparate auf Basis von Ginkgo-Extrakt.

Blutdrucksenkende Medikamente bauen meistens auf Wirkstoffe, die das Blut verdünnen. Die meisten davon sind deshalb sowieso verschreibungspflichtig, aber auch bei allen anderen Mitteln ist es vor der Einnahme sehr empfehlenswert, einen Arzt aufzusuchen und mit ihm zu besprechen, ob es sich um eine sinnvolle Maßnahme handelt oder womöglich sogar Gefahren bestehen.

Vor Allem, wenn eine Herzrhythmusstörung oder allgemein erhöhtes Herzinfarktrisiko vorliegt, ist von diesen Mitteln abzuraten. Gleiches gilt bei frischen oder chronischen Wunden und Blutungen, da sich der Blutfluss erhöhen könnte.

Während der Schwangerschaft ist auf die Medikamente auf jeden Fall zu verzichten, da sie den Fötus schädigen können.

Entzündungshemmende Mittel

Wird eine Entzündung, wie zum Beispiel eine Mittelohrentzündung, als Ursache für den Tinnitus festgestellt, dann kommen meistens entzündungshemmende Mittel zum Einsatz. Bei bakteriellen Entzündungen kann auf Antibiotika zurückgegriffen werden.  Da ein Antibiotikum nur gegen Bakterien nützt (und nicht gegen Viren), darf es tatsächlich auch nur bei bakteriellen Entzündungen eingesetzt werden. Außerdem sollten die Anweisungen des Arztes genau befolgt werden. So kann die Gefahr der Bildung von Resistenzen eingeschränkt werden.

Im Allgemeinen wird oft Cortison eingesetzt. Bei Cortison handelt es sich um ein Hormon zur Aktivierung von Stoffwechselvorgängen. Es dämpft das Immunsystem und diese Wirkung kann genutzt werden um zu starke Reaktionen (also Entzündungen) zu dämpfen. Cortison wird für die  beste Wirkung intravenös, mittels Injektion oder Infusion, verabreicht. Eine andere Möglichkeit ist die Verabreichung direkt ins Mittelohr.

Die Therapie mit Cortison dauert ungefähr zehn Tage, die ersten drei davon mit recht hoher Dosierung. Es ist dabei noch etwas umstritten, ob die Wirkung von Cortison bei der Behandlung von Tinnitus tatsächlich von der entzündungshemmenden Wirkung kommt oder doch auch mit einer durchblutungshemmenden Wirkung zu tun hat.

Diese Art der Behandlung sollte möglichst früh begonnen werden, am besten in den ersten 24 bis 48 Stunden nach Auftreten des Tinnitus.

Glutamatrezeptorenblocker

Glutamatrezeptoren nennt man bestimmte Proteine in der Neuronenmembran. Es ist Hauptüberträger für Höreindrücke vom Innenohr ins zentrale Nervensystem. Bei Lärm- oder Knalltrauma kommt es meist zu einer erhöhten Ausschüttung von Glutamat. Ein erhöhter Glutamatspiegel wiederum wird oft mit der Entstehung eines Tinnitus in Verbindung gebracht. Mittel zur Senkung der Glutamatausschüttung können also einen Beitrag zur Heilung leisten.

Dazu werden meist sogenannte Glutamatrezeptorenblocker eingesetzt. Diese sollen die Glutamatrezeptoren am Innenohr blockieren. So soll die Glutamataufnahme der Zellen im Innenohr verringert werden, da sie schädlich für diese Zellen ist. Als Medikamente stehen zum Beispiel Caroverin, Memantin und Neramexan zur Verfügung.

Aufgrund der recht starken Nebenwirkungen sind diese jedoch sehr umstritten und Caroverin ist beispielsweise in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen (in Österreich und der Schweiz hingegen schon).

Lokale Betäubungsmittel

Betäubungsmittel werden oft ergänzend zu anderen Mitteln verabreicht.  Häufig zum Einsatz kommt das Mittel Procain. Mit der Lokalnarkose wird versucht, das Leiden der Patienten in den ersten Tagen des Tinnitus zu senken.

In der Chronischen Phase

Nach den ersten drei Wochen wird es sehr unwahrscheinlich, dass der Tinnitus durch medikamentöse Maßnahmen beseitigt werden kann. Am ehesten bestehen noch Chancen auf eine Spontanheilung ohne direkte Einflussnahme. Es ist wichtig zu lernen, dass man wohl für eine Weile mit dem Tinnitus leben muss. Das Beste, was man tun kann ist, Wege zu finden um sich von den Beschwerden abzulenken und sich nicht von ihnen belasten zu lassen.

Auch hier kann man mit Medikamenten nachhelfen, wenn nichts anderes Linderung verschaffen kann. Schlafmittel können auf Absprache mit einem Arzt eingenommen werden. Schlaf ist immer wichtig und ein Mangel kann den Tinnitus und das Leiden darunter verstärken.

Die Einnahme von Schlafmitteln sollte keinesfalls übertrieben werden (nicht öfter als zwei oder drei Mal pro Woche und am Besten nur unter besonderen Umständen). In Absprache mit einem Arzt kann ein solches Mittel eingesetzt werden und Erleichterung bringen.

Langfristiges Leiden unter dem Tinnitus kann eventuell auch zu Depressionen führen. In solchen Fällen ist gegebenenfalls die Einnahme von Psychopharmaka sinnvoll. Am häufigsten kommen Antidepressiva und Tranquilizer zum Einsatz, es wird aber ausschließlich eine kurzfristige Einnahme empfohlen. Ein Grund hierfür ist, dass Antidepressiva von manchen als möglicher Auslöser von Tinnitus angesehen wird. Der andere Grund sind die Nebenwirkungen.

Dosierung und empfohlenes Mittel hängen sehr stark vom Einzelfall ab und es können keine allgemeinen Empfehlungen gegeben werden. In jedem Fall muss ein Experte aufgesucht werden, da die Mittel verschreibungspflichtig sind.

Neue Hoffnung

Seit ungefähr einem Jahr (stand Dezember 2013) gibt die Forschung an einer neuartigen Methode neue Hoffnung. Forscher fanden in Tierversuchen einen Zusammenhang zwischen einer verminderten Aktivität der Kaliumkanäle in den Hörzellen und dem Tinnitus. Dagegen kann medikamentös vorgegangen werden und bei Ratten zeigten entsprechende Medikamente auch schon erste Erfolge.

Es fehlt jedoch noch eine Bestätigung der Wirksamkeit beim Menschen und es wird wohl noch etwas dauern, bis entsprechende Medikamente auf den Markt kommen. Bis dahin muss auf die (mehr oder weniger) bewährten Mittel gebaut werden.

Lassen Sie sich von der recht geringen Wirkung der meisten Therapien jedoch nicht in Panik versetzen. In den meisten Fällen verschwindet der Tinnitus irgendwann von selbst. Und die meisten Menschen schaffen es mit Training und unter Zuhilfenahme verschiedener Entspannungs- und Bewältigungstechniken mit der Zeit  auch mit dem Pfeifen im Ohr ein angenehmes Leben zu führen.